Lesungen

Wir lieben Worte. Wir schätzen Künstler*innen sehr. Wir wünschen uns inspirierende Lesungen voller frischer, frecher, weckender Worte, die uns Orte schenken, an denen Menschen sich miteinander verbinden können.

Bisher hatten wir eine Lesung mit Ewart Reder, Gofi Müller und Gerrit Pithan, aber suchen immer wieder Autor*innen und Leser*innen für Lesungen.

Evangelium des Alexandros Kapitel 15, 7-24

„Berichte, Thomas, was geschah, nachdem der Herr vom Tode erstanden war!“
„Gerne will ich Dir, Alexandros, berichten, auch wenn sich die Erinnerung immer weiter von mir entfernt. Zwei Wochen war der Herr bei uns, wohnte mit uns verborgen in Jerusalem. Wie früher war es, vor dem großen Schrecken, dem Tod unseres Herrn. Er sprach zu uns vom Reich Gottes, legte uns das Gesetz und die Propheten aus, aß mit uns, feierte und sang die Lieder, die wir immer am Lagerfeuer gesungen hatten.“
„Was lehrte er euch, Thomas. Erzähle es, damit die Brüder es in Erinnerung behalten.“
„Ich habe es vergessen, Alexandros. Trunken war ich, trunken vor Freude, weil ich den Herrn sah. Ein Traum, dachte ich, es ist ein Traum, dass der Herr lebt. Dabei hatte ich ihn berührt, mit ihm gegessen, mit ihm gelacht und geweint. Oder war sein Sterben der Traum gewesen? Hin und hergerissen war ich wie die übrigen. Wir wollten ihn nur sehen, mit ihm reden, ihm zuhören. Das Taumeln der Welt war dem Taumel des Glücks gewichen.“
„Sprich weiter, Thomas, schweige nicht!“
„Auf einen Berg war er mit uns gegangen. Den Weg dorthin habe ich vergessen, denn der Herr war bei uns und die übergroße Freude. Dort oben schauten wir über das Land und fragten ihn, ob er jetzt das Reich Israels wieder errichten werde. Aber er sprach von einem Tröster, der bei uns sein werde, wenn er gegangen sei. Ich wollte es nicht hören. Und als ich mich umwandte, war er nicht mehr da. Ich suchte ihn zwischen uns Elfen, doch wir waren allein. Nur die Klarheit und das Licht der Bergspitzen umhüllte uns. Und Petrus meinte, er sei zum Vater gegangen.“
„Warum verließ er euch, Thomas?“
„Die Worte werden mir schwer, Alexandros, schwer wie der Weg, der vom Berg herabführte. Als hätte sich die Erde aufgebäumt, um uns entgegenzustehen. Die Steine schnitten in unsere Füße, und die Windungen des Weges schienen nur in die Irre zu führen. Am helllichten Tag tappten wir wie im Nebel durch unser Leben. Das Leid tränkte meine Augen. Wortlos schrie ich zum Herrn, warum er sich uns erst zeige, um uns dann zu verlassen.“
„Und der Tröster, Thomas, was ist mit dem verheißenen Tröster?“
„Welchen Trost kann mir ein Tröster geben, Alexandros, wenn der Herr nicht mehr unter uns ist? Ihr, die ihr ihn nicht wie ich kennen gelernt habt, folgt ihm nach, so gut ihr könnt. Aber ich, ich habe ihn drei Jahre lang Tag für Tag erlebt. Als er endgültig ging, hat er eine Leere in mein Herz gerissen, die kein Trost füllen kann. Alexandros, ich verstehe nicht, warum er uns verließ und doch kann ich nicht von ihm und der Erinnerung lassen.“

Gerrit Pithan