Rückblick Gartengottesdienst im Mai: Willkommensgemeinde sein, Willkommensgemeinde werden

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Ich war eine rebellische Jugendliche. Ich hatte ein Empfinden dafür, dass manches in meiner damaligen Gemeinde nicht zu dem Gott passte, den ich im Laufe meiner Kindheit und Jugendzeit kennengelernt hatte. Mein Gottesbild war in einigen Punkten ein ganz anderes. Ich erlebte ihn als ermutigend und einladend. Es war ein männlich-weibliches Gottesbild. Ein Gegenüber das zärtlich, humorvoll und großzügig auf meine Ängste und Denkschranken reagiert. Ich fühlte mich immer wieder herausgelockt aus meinen Schneckenhaus. Damit weckte Gott Lebensfreude in mir. 

Es gibt in mir eine große Solidarität mit Menschen, die auf der Suche sind nach der eigenen Identität. Ich kenne die Sehnsucht nach einem Partner, einer Partnerin, die heilsame/r Begleiter/in ist. Seelenfreund, Seelenfreundin. Als Single fühlte ich mich sehr unvollständig. Ich bin sehr dankbar für meine zweite Ehe, mit Gerrit. 

Als wir im letzten Sommer meine Einführung als Pastorin im Weiten Raum feierten, bat ich Annika, ein Grußwort von Zwischenraum einzubringen. Wir sind dort als Willkommensgemeinde gelistet. 

Das war in meinen Augen eine gute Chance: direkt bei der Gemeindegründung deutlich zu machen: Ja, willkommen! Hier bist du anerkannt, kannst mitgestalten. Deine gleichgeschlechtliche  Partnerschaft oder deine Sehnsucht danach wird gesehen und gewürdigt. Nicht unter den Teppich gekehrt. Nicht tot geschwiegen. Nicht hinterfragt. Sondern akzeptiert als ein wichtiger Aspekt deiner Persönlichkeit und deiner Biographie.

Bei unserem Gartengottesdienst im Mai haben wir den Film „jung, schwul, gläubig“ zum Thema gemacht und uns ausgetauscht. Über unsere eigene Geschichte mit dem Thema und über folgende Gedanken und Beobachtungen: 

  • Die betroffenen schwulen Männer wirkten authentisch. Sie wirkten, als hätten sie schon viel hinter sich. Sie gingen wertschätzend mit sich und anderen um. Auch die Muslime und Juden in dem Film wirkten transparent und sympathisch. Sie wirkten befreit.
  • Normen und ein gemeinschaftliches Empfinden dafür, was „normal“ ist, kann Sicherheit geben und Stabilität. Es fördert Gewohnheiten und es hat bei technischen Normen auch große Vorteile. Für manche wirkt es aber auch bedrohlich. Und für andere ist Vielfalt normal. 
  • Die Abweichung von der Norm schafft die Möglichkeit zur Entwicklung. Sie braucht Mut, zu sich zu stehen. Es ist für viele ein Verlassen der Komfortzone. Es ist manchmal anstrengend und benötigt Toleranz. Es schenkt Erlaubnis. „Ich darf die sein, die ich bin.“ 
  • Wir äußerten den Wunsch, im Weiten Raum eine Ethik zu formulieren, die Menschen miteinander verbindet, anstatt trennt. Das Stichwort „versöhnte Verschiedenheit“ hat einige von uns inspiriert. Wir merken, Dialog wird hier wichtig. Wir erfahren Akzeptanz als Geschenk und können sie als Geschenk weitergeben. Wir möchten eine Gemeinschaft sein, die offen ist, nicht eng. Eine Ethik, die nicht normativ vorgibt, wie etwas zu sein hat, (du darfst… du darfst nicht…) sondern die beschreibt und reflektiert, wie Werte, Entscheidungen und Handeln miteinander zusammenhängen, kann helfen, sich in individuellen Entscheidungsmomenten an biblischen Werten wie „Liebe“, „Frieden“, „Freiheit“, „Vertrauen“ und „Gerechtigkeit“ zu orientieren. 

Der Gartengottesdienst im Mai zum Thema Homosexualität wurde von homo-, bi- und heterosexuellen Erwachsenen besucht. Die unterschiedlichen Perspektiven trugen zu einem sehr wertvollen Nachmittag bei und bereicherten die Gemeinschaft. Es waren auch ein Kind und zwei Babys dabei. Bei ihnen wird es noch eine Weile dauern, bis sie entdecken, wen sie einmal lieben möchten…

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