Unsere Gemeindepoetik

Was macht unseren Glauben aus? Welches Bild von Gott prägt uns? Und was davon wollen wir weitergeben.

Der Autor der folgenden Texte ist Gerrit Pithan. Die Texte sind rechtlich geschützt und dürfen nur mit Genehmigung des Autors verwendet werden.

Gemeindepoetik für den Weiten Raum Marburg

Vielleicht ist eine Poetik dichter am Reich Gottes als eine Dogmatik, zumindest wenn wir uns an dem orientieren, von dem in den Evangelien berichtet wird, dass er den Menschen unter anderem Geschichten erzählte.

 

Der heimatlose Gott

Das Unwandelbare an Gott ist seine Wandelbarkeit. Ein Paradox, aber anders kann man es kaum in Worte fassen. Wir Menschen neigen zur Sesshaftigkeit, Gott hingegen bricht auf und geht weiter.

In der Antike kam es vor, dass die Götterstatuen in den Tempeln keine Füße hatten, damit sie nicht weggehen konnten. Eine andere Methode, die Götter zu halten, war, die Figuren in den Tempeln anzuketten. Es scheint also eine Grundsehnsucht des Menschen zu sein, seine Götter festzulegen. Natürlich sagte man, dass die Götter den Kosmos beherrschten, aber in Wirklichkeit wollte man die Götter beherrschen und sich ihrer bemächtigen. Man brachte ihnen Opfer dar, um sie gnädig zu stimmen, damit sie das taten, was die Menschen wollten.

Die Autoren der Bibel schreiben über ihre Gotteserfahrungen und ihr Gottesverständnis. Der Gott des Judentums und des Christentums ist ein Gott in Bewegung. Gott bewegt sich einerseits immer auf den Menschen zu und geht ihm nach, andererseits entzieht er sich jeder Vereinnahmung. Und mehr noch: Gott fordert den Menschen auf, seine Sicherheit, seine Heimat zu verlassen, um ihm, dem nomadischen Gott,  in die Fremde zu folgen. Abraham verlässt Ur und zieht nach Kanaan, Israel wird aus der Sklaverei befreit und folgt seinem Gott in die Wüste. Das Buch Exodus erzählt von dieser Befreiung, aber es berichtet auch davon, dass das Volk sich immer wieder nach der Sicherheit der Sklaverei zurücksehnt. Das Volk Israel hat Angst vor der Freiheit, es misstraut dem verheißenen neuen Land und es ist zutiefst unzufrieden darüber, dass es keine Kontrolle über diesen unberechenbaren Gott hat. Diese Gemengelage mündet in der Versuchung, sich dieses Gottes zu bemächtigen, indem man ihn als Stiergottheit abbildet. Denn  nun muss man nicht mehr hinter diesem unbegreiflichen Gott herziehen, sondern man hat ihm eine Gestalt gegeben, die man mit sich führen kann. So wurden die Rollen vertauscht, bis Mose einschritt und die Figur zerstörte. Das Bilderverbot bewahrte Israel vor der Verwechselung des Bildes mit dem Abgebildeten. An die Stelle des Bildes trat die Schrift, die Thora, aber auch die Schrift konnte und kann mit Gott verwechselt werden, sozusagen vergottet werden. Deshalb geht die Wanderung Gottes weiter, er wird in Jesus Mensch und ruft die Menschen in die Nachfolge. Das Leben, das Tun und das Reden des Wanderpredigers Jesus war aber solch eine Herausforderung, dass die geistig Sesshaften ihn aus politischen und religiösen Motiven zu Tode brachten. Aber auch der Tod konnte Gott nicht halten, die Evangelien erzählen von den Begegnungen des Auferstandenen mit seinen Jüngern. Die Auferstehung Jesu kennzeichnet aber nicht einen Endpunkt der Wanderungen Gottes, das Paradies bricht nicht an, Jesus entzieht sich in der Himmelfahrt seinen Jüngern. Es ist nicht möglich, Jesus festzuhalten. Die Apostelgeschichte erzählt dann vom Pfingstereignis, der Geist des heimatlosen Gottes erfüllt die Jünger, sie werden entflammt und bewegt. Nicht sie haben Gott, sondern er hat sie. Mit dem Verströmen des Geistes beginnt die Kirchengeschichte, eine Geschichte der Wege, der Umwege und der Irrwege. Mit immer neuen Methoden haben Christen versucht, Gottes habhaft zu werden, aber Gott entzieht sich. Man kann ihn weder mit starren kirchlichen Hierarchien an die Leine nehmen noch ihn in dogmatischen Systemen oder in Sakramenten einsperren. Gott ist ein Ausbrecherkönig, wir können ihn mit nichts halten, nur hoffen, dass er uns hält. Er ist uns immer einen Schritt voraus, lockt uns in die Weite und setzt unseren Fuß auf weiten Raum.

Was heißt das für uns heute? Sollen wir alles aufgeben, was unser Leben ausmacht? Sollen wir Christen wie das fahrende Volk die Campingplätze der Welt bevölkern? Vielleicht der eine oder andere. Dem heimatlosen Gott nachzufolgen beinhaltet nicht ein einfaches Rezept, das für alle gleich aussieht. Ich kann durch die Welt reisen und bin doch in meinem Geist festgelegt und unbeweglich. Genauso kann ich ein normales Leben führen, während mein Geist frei und beweglich dem nomadischen Gott folgt.

Die irischen Mönche des frühen Mittelalters pflegten den Gedanken der Pilgerschaft, sie wollten sich an nichts als an Gott binden. Im Zusammenhang mit der Pilgerschaft sprachen sie auch von der Bereitschaft zum Martyrium. Dabei unterschieden sie zwischen dem roten, dem grünen und dem weißen Martyrium. Das rote Martyrium bedeutete, dass jemand für seinen Glauben starb; das grüne Martyrium hieß, dass man seine Heimat, seinen Besitz und seine Familie verließ, um auf eine physische Pilgerreise zu gehen. Das weiße Martyrium besagte, dass man ein normales Leben führte, aber auf eine geistige Pilgerreise ging. Es war die Reise nach innen, in die Stille, der Weg der christlichen Mystik. Dies war und ist der Weg, der die Sicherheit aufgibt, der nicht mehr Gott kontrollieren und bändigen will. Es ist der Weg des Vertrauens, der kein Geländer kennt, weil man dem vertraut, der immer mindestens einen Schritt voraus ist.

 

 

Der Horizont der Gotteserkenntnis

Psalm 31,9b: „Du stellst meine Füße auf weiten Raum.“

Gott ist wie der Horizont, der uns umgibt. Er ist uns fern, gerade an der Grenze zur Unsichtbarkeit, gerade an der Grenze der Unendlichkeit. Er ist die Grenzlinie zwischen der Erkenntnis und dem Erahnten, der Ort, an dem Gewissheit und Geheimnis verschwimmen und sich durchdringen. In seiner Heiligkeit ist er uns fern, doch da er uns wie der Horizont als perfekter Kreis umschließt, und wir in ihm sind, ist er uns zugleich unendlich nah. In ihm sind in beglückender Weise absolute Ferne und absolute Nähe eins.

Wenn wir uns auf den Weg machen, den Horizont zu erreichen und zu begreifen, entzieht er sich uns. Genauso ist es, wenn wir versuchen, Gott zu begreifen, ihn uns zu eigen zu machen. Ihn zu erreichen, ist der Wunsch nach Eindeutigkeit und klarer Erkenntnis, es ist der Wunsch, IHN besitzen zu wollen. Wenn man diesem irrigen Wunsch nachgeht, fixiert man sich auf die eigene beschränkte Gotteserkenntnis, die nur einen winzigen Ausschnitt der Realität Gottes darstellt. Man peilt diesen winzigen Ausschnitt an und verliert dabei das Ganze aus den Augen, bis man es zuletzt ganz verliert. Unser Verlangen ist so absurd wie die Suche nach dem sprichwörtlichen Topf voll Gold am Fuße des Regenbogens.

Was wir auch tun, wohin wir uns auch bewegen, der perfekte Kreis des Horizontes bleibt erhalten, und wir sind in seiner Mitte. Mag unser Gottesbild noch so fehlgeleitet und krankmachend sein, seine Nähe zu uns hat kein Ende. Unsere irrige Vorstellung, ihn zu begreifen, ihn zu haben, kann aber – im Gegensatz zu unserem Empfinden – unsere Ferne zu ihm bedeuten. Auf den frommsten Wegen verliert sich Gott am leichtesten. Und so können seine Nähe zu uns und unsere Ferne zu ihm in tragischer Weise eins sein.

Das Verhältnis zwischen dem Horizontkreis und meinem Standpunkt im Zentrum ist ein ausbalanciertes Gleichgewicht. So ist auch das Geheimnis der Gottesbeziehung. So wie ich das Gleichgewicht zerstöre, wenn ich versuche den Horizont/Gott zu erreichen, so zerstöre ich es auch, wenn ich glaube, das Ziel sei, um keinen Fehler zu machen, auf meinem Standpunkt zu verharren.

Gott lockt mich in die Ferne, er weckt in mir den Wunsch nach Bewegung, nach Entwicklung. Jeder Schritt verändert die Ansicht des Horizontes/Gottes, lässt ihn neu und anders erscheinen. Er schenkt das Entzücken über das Fremde, die neue Sicht und das Glück des Wiedererkennens seiner Gegenwart im Fremden. Erkenntnis wächst in der schauenden Versenkung, wenn Mensch und Gott in harmonischer Beziehung zueinander stehen, sie miteinander unterwegs sind.

 

 

Trinität

Denn es ist nicht gut, dass Gott allein sei.“ So sagt es G. K. Chesterton mit einem humorvollen Funkeln. Dahinter verbirgt sich die Erkenntnis, dass der Wesenskern des einen Gottes Gemeinschaft ist. Gott ist kein einsamer Monolith, er ist in sich selbst Gemeinschaft, Kommunikation und schöpferische Vielfalt. Der eine Gott offenbart sich uns Menschen in drei Personen. Die Fachleute streiten sich, woher der Begriff „Person“ stammt, aus dem Etruskischen, dem Lateinischen oder dem Griechischen, jedenfalls bezeichnet er die Maske, die der Schauspieler trug, die seine Rolle verdeutlichte. Die Maske vermummte den Schauspieler nicht, sie identifizierte seine Funktion, seine Rolle. Der eine Gott übersteigt unsere Erkenntnis, unser Denkvermögen, unser Empfinden, deshalb nähert er sich uns als Vater, als Sohn und als Geist. Wir Menschen verhalten uns untereinander ähnlich, auch wenn wir jeweils eins sind, begegnen wir uns vielfältig: Ich begegne meiner Frau anders, als meiner Mutter oder meinen Schülern, und doch bin ich einer.

Dorothy Sayers wählt zur Erklärung Gottes, des Vaters das Bild eines Schriftstellers, der in sich die Idee eines Buches trägt. Wenn er es aufschreibt oder es gedruckt wird, dann wird die Idee materiell, ich kann das Buch in die Hand nehmen und lesen. Das Buch vergleicht sie also mit Christus, dem menschgewordenen Gott. Wenn ich nun ein Buch lese, wechselt etwas vom Inhalt in meine Person hinein und bleibt in mir. Das vergleicht sie mit dem Wirken des Heiligen Geistes im Menschen.

Letztlich können wir uns nur in Bildern, Metaphern und Allegorien dem Verständnis des einen Gottes, der in sich Vielfalt ist, annähern:

 

Trinität

 

Gott ist das Wort,

das Wort des Erschaffens, das Wort der Liebe.

Christus ist der Mund,

der das Wort zu uns spricht.

Der Heilige Geist ist der Klang,

der das Wort zu uns trägt,

dass es sich in uns verwurzele,

dass es fruchte.

 

 

Unser Fundamentalismus

Der Glaube an Christus ist das Fundament unseres Glaubens. Aber was ist ein Fundament? Oft verstehen wir darunter etwas Stabiles im Untergrund, das uns Halt gibt, etwas Unverrückbares und damit letztlich etwas Statisches. Wir schlagen Pflöcke ein, erstens, zweitens, drittens, viertens, und definieren so unseren Glauben, unseren Gott und unsere Wahrheit, die wir dann als die Wahrheit bezeichnen. Ist das Fundament des Glaubens ein Fundament dieser Art?

Jesus sagt: „Ich bin der Weg, die Wahrheit und das Leben; niemand kommt zum Vater denn durch mich.“ (Joh 14,6) Ein fundamentaler Satz, allerdings ist der Weg nichts Statisches, sondern etwas Prozesshaftes, das Leben desgleichen. Wieso definieren wir dann die Wahrheit als etwas Statisches? Ändern sich nicht auch im Laufe unseres Lebens unser Glauben und unsere Gotteserkenntnis? Tragisch, wenn es nicht so ist. So ist das Fundament unseres Glaubens etwas Fragiles, etwas, das begonnen hat aber noch nicht vollendet ist, etwas, das in Bewegung ist und uns in Bewegung versetzt.

Das Fundament unseres Glaubens ist von der Art wie es Miguel de Unamuno beschrieben hat: „Diejenigen, die glauben, dass sie an Gott glauben, aber dies ohne Leidenschaft in ihrem Herzen tun, ohne Qual des Geistes, ohne Ungewissheit, ohne Zweifel, ohne ein Element der Verzweiflung selbst in ihrem Trost, die glauben nur an den Gottesgedanken, nicht an Gott selbst.“

 

Dialog statt Predigt

Kommunikation bedeutet erstens vom ursprünglichen Wortsinn her „Mitteilung“, oder zweitens – anders definiert – eine Redefigur, bei der der Redner die Zuhörer scheinbar zu Rate zieht. Anhand dieser beiden Definitionen kann man sofort die positive und die negative Ausprägung der Kommunikation festmachen.

Den Begriff „Mitteilung“ gebrauchen wir heute sehr neutral, etwa in dem Sinne, dass eine Nachricht weitergegeben wird. Das Wort meint allerdings etwas anderes: Es geht um einen Menschen, der sich mitteilt, der etwas von sich preisgibt, der seine Person mit anderen teilt. Wenn wir nun unsere tägliche Kommunikation kritisch betrachten, werden wir wahrscheinlich zu dem Ergebnis kommen, dass nur der geringste Teil dessen, was wir sagen, diese Intensität erreicht. Das meiste, das wir von uns geben, scheint eher eine Scheinkommunikation zu sein. Entweder ist es Smalltalk oder wir beziehen einen Standpunkt frei nach dem Motto: „Hier stehe ich, ich will nicht anders.“ So wird gar nicht der Versuch unternommen, den anderen wirklich zu verstehen, es werden vielmehr nur die Standpunkte miteinander verglichen. Bei starker Ähnlichkeit der Ansichten verfällt man in den Irrtum, man verstünde sich gut, bei unterschiedlichen Ansichten grenzt man sich voneinander ab.

Gerade wir Christen sind oft in der Gefahr, dass wir nicht mehr miteinander reden können, sondern dass wir uns lediglich gegenseitig anpredigen. Die Predigt als solches mag an ihrem Platz, im gottesdienstlichen Geschehen, eine gute und nützliche Sache sein. Es geht darum, dass eine Botschaft klar und eindeutig formuliert wird, so dass die Gemeinde sie versteht und in ihrem Leben umsetzt. Die Predigt hat aber wenig mit Kommunikation, mit Dialog oder Mitteilung zu tun, da die Gemeinde nicht antworten kann, und kein Gespräch, kein fruchtbarer Austausch stattfindet. Nun haben die Christen in ihrem Leben so viele Predigten gehört, dass sie diese Form der Rede unbewusst übernommen haben. Die Folge ist, dass sie überall ihre Meinung kundtun, dass sie Standpunkte vertreten, theologische Positionen besetzen und und und. So wichtig das auch hin und wieder sein mag, das alles hat nichts mit Dialog zu tun.

Das Kennzeichen der lebendigen Gemeinde Jesu, die wir sein wollen, ist nicht eine festgelegte Dogmatik oder eine genormte Rechtgläubigkeit, Gemeinde Jesu lebt durch den Dialog, durch den Dialog des einzelnen mit Gott und durch den Dialog untereinander. Der Dialog lebt vom Hören; erst wenn ich auf die Worte des anderen höre, kann ich darin den einzigartigen Menschen erkennen, den Gott mir gegenübergestellt hat. Erst wenn ich zu hören gelernt habe, bin ich in der Lage zu antworten. Ich wähle hier bewusst das Wort „antworten“ und nicht „reden“, denn „reden“ ist sehr unverbindlich und kann auch nur eine einseitige Sache sein. Die Antwort reagiert auf die Anrede des Menschen, der mir gegenübersteht. Wenn wir anfangen, den Dialog zu wagen, dann werden wir die Menschen auch nicht mehr in Schubladen mit den Aufschriften „evangelikal“, „charismatisch“, „feministisch“, „fundamentalistisch“, etc. stecken. Im Prozess des Dialogs wird Gott uns verändern, so dass diese Kategorien belanglos werden.

Wenn wir den Dialog wagen, werden wir zugleich Toleranz lernen. Toleranz meint nicht, dass alle Meinungen gleich richtig und wichtig sind. Toleranz bedeutet, dass wir den Standpunkt und die vielleicht falschen Ansichten des anderen erdulden, weil uns der Mensch, unser Dialogpartner so unendlich wichtig ist. Gott ist das Wort, die Anrede, die Einladung zum Dialog, die uns und unsere Welt verändern kann. Wir träumen davon, wie unsere christlichen Gemeinden aussehen könnten, wenn wir den Dialog, den Gott mit uns führen möchte, auch untereinander wagen würden.

 

Gemeinde für Gescheiterte und Gescheite

Zerbrochene Krüge

Wenn wir ein Gefäß wären,

heil und intakt,

gefüllt mit dem Heiligen Geist,

dann könnten wir nur

etwas vom Geist Gottes weitergeben,

wenn wir von ihm überflössen.

Aber wie selten sind die Momente,

in denen wir von Gott überfließen!

Deshalb benutzt Gott

die Risse und Sprünge in unseren Gefäßen

und fließt durch sie

von uns

zu anderen.

 

 

Ohne Fragen keine Antworten

Wir wollen die Heiligkeit der Fragen ehren.

Fraglos glaube ich nicht.

Den fröhlichen Frager hat Gott gern.

 

Suchen und Finden

Suchen – das ist Ausgehen von alten Beständen und ein Finden-Wollen von bereits Bekanntem im Neuen. Finden – das ist das völlig Neue! Das Neue auch in der Bewegung. Alle Wege sind offen und was gefunden wird, ist unbekannt. Es ist ein Wagnis, ein heiliges Abenteuer!

Die Ungewissheit solcher Wagnisse können eigentlich nur jene auf sich nehmen, die sich im Ungeborgenen geborgen wissen, die in die Ungewissheit, in die Führerlosigkeit geführt werden, die sich im Dunkeln einem unsichtbaren Stern überlassen, die sich vom Ziele ziehen lassen und nicht – menschlich beschränkt und eingeengt – das Ziel bestimmen.

Dieses Offensein für jede neue Erkenntnis im Außen und Innen: Das ist das Wesenhafte des modernen Menschen, der in aller Angst des Loslassens doch die Gnade des Gehaltenseins im Offenwerden neuer Möglichkeiten erfährt.“ (Pablo Picasso)

 

Wir möchten uns von Gott finden lassen.

 

Das Gleichnis vom kindlichen Glauben

In der Zeit, als Gott unter den Menschen wandelte, sah er einige Kinder, die im Schlamm einer Pfütze spielten, und er setzte sich zu ihnen. Sie spielten zusammen, lachten und waren ein Herz und eine Seele. Als Gott nach einer Stunde aufbrechen wollte, baten sie ihn zu bleiben, es sei doch so schön miteinander. „Auch andere Menschen bedürfen meiner“, antwortete er, „aber ich danke euch für die Stunde des Spielens und das unbeschwerte Glück. Zum Abschied möchte ich euch etwas schenken. Jedem von euch pflanze ich kindlichen Glauben ins Herz.“ Einem jeden von ihnen legte er seine Hand segnend auf den Kopf und schaute ihnen tief in die Augen, dass sie ganz verwirrt und beglückt vor ihm standen. „Hegt und pflegt diesen Glauben und macht etwas daraus, bis ich wiederkomme“, rief er ihnen im Gehen noch zu.

Jahre und Jahrzehnte vergingen, bis Gott wieder in diese Gegend kam und die suchte, die einst Kinder waren. “Was hast du aus deinem kindlichen Glauben gemacht, den ich dir damals schenkte?“ fragte er sie.

Ich erinnere mich“, sagte eine Frau, „und wenn ich überlege, muss er auch noch irgendwo sein. Ich müsste danach suchen, aber er ist bestimmt noch da. Jetzt passt es mir gerade nicht, ich habe noch einen Termin und am Abend treffe ich meine Freundinnen. Wie wäre es morgen oder besser noch nächste Woche?“ fragte sie und suchte nach ihrem Kalender, aber Gott war schon weitergegangen.

Ein Mann schaute grimmig. „Ich bin kein Kind mehr, das man mit Märchen abspeist. Die Welt habe ich mir angesehen und bin darüber zum Mann geworden. Da ist kein Gott in dieser Welt, nur Fressen und Gefressen werden. Hier überlebt nur, wer hart wird und seinen Vorteil erkennt. Für einen Gott ist hier kein Platz.“ Während er noch sprach, begann er langsam transparent zu werden, bis er ganz verschwand. Gott streckte die Hände aus, um ihn aufzuhalten, aber er rann wie Wasser durch seine Finger und versickerte spurlos in der Zeit. Eine Weile hörte man noch seine Stimme, die von seinen Erfolgen erzählte, aber auch sie wurde leiser und leiser.

Ich sah das Leid und die Ungerechtigkeit in der Welt, den Hunger, den Krieg und die Seuchen“, sagte ein Dritter. „Und weil ich es nicht ertragen konnte, begann ich es zu tragen. Ich engagierte mich und legte Hand an, um das Leid zu verringern. Alle Hände voll habe ich zu tun, da konnte ich den Glauben, den du mir einst schenktest, nicht mehr halten. Hättest du mir doch mehr Hände geschenkt, damit ich diese Welt verändern kann!“  Und Gott schloss ihn in seine Arme. „Ich liebe dich, mein Kind, auch wenn du wie ein Einäugiger unter Blinden bist, eine Schere mit nur einer Klinge.“

Mein Gott, ich habe mich bemüht, so sehr bemüht“, sagte eine weitere Frau. „Der Glaube war so perfekt, so schön! Ich hatte alle Antworten auf meine Fragen. Das Leben schlug mir den Glauben aus der Hand, so dass er zu Boden fiel. Ich nahm ihn wieder auf, aber er hatte Dellen bekommen, Scharten und Risse. Ich sündigte gegen dich, und mein Glauben bekam Flecken wie Rost auf Metall. Zu dir kehrte ich immer wieder zurück, aber aus meiner Gewissheit sind Fragen geworden. Das Leben hat mein Herz gebrochen, wieder und wieder, und mein Glaube besteht nur noch aus Bruchstücken, deren Kanten schmerzen wie mein Herz.“ „Mein geliebtes Kind“, antwortete Gott, „es gibt kein ganzeres Ding als ein zerbrochenes Herz, hat mein Freund Zvi Kolitz geschrieben. Aus dem kindlichen Glauben, den ich dir einst gab, ist dein Glaube geworden. Im Zerbrochenen ist er entstanden, wie auch das Samenkorn erstirbt, wenn es Leben bringen soll. Glaube ist nicht eine Sammlung von Antworten, Antwort gibt es nur auf eine Frage, auf deine Frage. Deine Fragen sind der Nährboden deines Glaubens. Du siehst nur den Schmerz, aber da ist viel mehr als Schmerz, dein Glaube ist kostbar und schön, durch den Schmerz hindurch. Sei gesegnet und tritt ein in mein Reich.“

Und der letzte sprach: „Sieh her, mein Gott, hier ist der Glaube, den du mir gabst. Ich habe ihn bewahrt, gereinigt und poliert. Im tiefsten Winkel meines Herzens barg ich ihn und hütetet ihn, damit ich ihn nicht verlor oder er Schaden nahm. Er ist strahlend wie am ersten Tag, als du ihn mir schenktest.“ „Mehr hast du nicht daraus gemacht?“ fragte ihn Gott. „Ist nicht das, was du gibst, vollkommen?“ fragte der Mensch. „Und bist du nicht ein Gott über mein Verstehen hinaus, der einen strengen Maßstab legt an die Seinen? Habe ich deinen Glauben nicht bewahrt vor aller Versuchung und Anfeindung der Welt?“ Gott zog die Brauen zusammen. „Wird die Butter, die lange steht, nicht ranzig? Wird das Brot, das lange liegt, nicht schimmelig? Wird das Ei, das keiner isst, nicht faul? So wird auch ein kindlicher Glaube, der nicht wächst, kindisch. Geh von mir fort, Mensch, ich kenne dich nicht!“

 

 

Auf der Suche

Wie soll man denn nun von Gott reden?

Vielleicht sollten wir mehr von Gott schweigen. Ich meine damit nicht das Schweigen, weil wir nichts zu sagen hätten, sondern ein beredtes Schweigen, in dem das Unsagbare Raum hat. Wichtiger als frommes Reden ist der Lebensvollzug. Gott lebt in den Beziehungen, er sucht immer und überall den Dialog mit uns. Wenn wir den offenen Dialog mit dem anderen wagen, können wir erleben, dass Gott in diesem Dialog wird, dass er im Wort wird. „Vielleicht ist Gott eine Stimme, nie endendes Gespräch, vielleicht das Unausgesprochene in unserem Sprechen.“ (P. K. Kurz: Gott in der modernen Literatur, S. 11) Da wo die Sprache der Theologie, die Sprache des Glaubens endet, kann die Kunst manchmal einen Schritt über diese Grenze gehen. Dies gelingt allerdings nur, wenn der Prozess des um Worte Ringens, der Weg des Suchens in glaubhafter Sprache, jenseits der frommen Floskeln, sichtbar wird.

„Gott hat an ein Gewand.

Und Erkenntnissen verberget sich sein Angesicht

Und decket die Lüfte mit Kunst….“

(Hölderlin: „Griechenlandhymne“)

 

Der Fromme von morgen wird Mystiker sein oder gar nicht.“ schrieb Karl Rahner. Teile der christlichen Mystik können uns Schritte auf diesem Weg weisen. Es ist kein einfacher Weg, denn die Mystik spricht oft in interpretierungsbedürftigen Gegensätzen, um sich so dem Eigentlichen, dem Unsagbaren zu nähern. Um die oben angeschnittenen Fragen auszuhalten, um zur Authentizität zu gelangen, darf unser Gottesbild nicht statisch sein. Wir müssen uns Offenheit bewahren, damit der lebendige Gott, der Gott in Bewegung unser Gottesbild immer wieder neu schaffen kann. Gott ist ferner als die fernste Galaxie, und er ist mir näher als ich mir selbst. Das ist das Spannungsfeld. Glaube ist wie eine Mathematikaufgabe, die nicht aufgeht. Es bleibt ein Rest, ein unerklärlicher Rest, ein „Heiliger Rest“ (E. Nordhofen; Der Engel der Bestreitung, S. 55).

 

Gott und die Künste

Die Künste nähern sich den Grenzen an, dem Unbeschreiblichen, dem Unendlichen, dem Zwielicht und auch der menschlichen Dunkelheit. Die Künste können unserm Glauben und Unglauben, unserer Trauer, unserem Zweifel und unserer Verzweiflung Ausdruck verleihen. Sie leihen uns Worte, Klänge und Farben für das, was wir so oft nicht zu artikulieren wagen. Bei den Künsten finden wir eine Sprache, die unsere gesamte Existenz umfasst, und die auch die dunklen Seiten unserer Seele nicht ausspart. Sie ringen dem Unsagbaren Worte, dem unhörbaren Klänge und dem Unsichtbaren Bilder ab.

Wir dürfen nicht vergessen: Gott hat uns nicht durch seine Herrlichkeit und seine Allmacht gerettet, sondern durch sein Scheitern, durch die Aufgabe seiner Allmacht am Kreuz. Wir glauben an einen sterbenden Gott. Deshalb kann man sagen, dass er uns in unseren Tiefen näher ist als in unseren Triumphen und mögen sie noch so fromm sein.

Gott kann durch die Künste anders zu uns sprechen als durch Theologie und Predigt. Bildende Kunst, Musik, Theater, Tanz und Literatur sind Sprachen, die Gott spricht. Diese Sprachen Gottes sollen bei uns Raum haben. Auch die Kunstschaffenden sollen sich bei uns zu Hause fühlen.

Anfrage

Der Künstler malte ein Bild.

Was das sei, wollten sie wissen,

Und er malte ein weiteres Bild.

Was das solle, wollten sie wissen,

Und er malte ein weiteres Bild.

Was das wert sei, wollten sie wissen,

Und er malte ein weiteres Bild.

Was das nütze, wollten sie wissen,

Und er malte ein weiteres Bild.

Warum er nicht antworte, fragten sie.

Ich habe zuerst gefragt, sagte er

Und malte ein weiteres Bild.

 

Strukturen der Sünde – sündige Strukturen

 

Autor: Sehr geehrter Leser, es freut mich, dass sie sich diesem Text zugewandt haben, um gemeinsam mit mir und einem prominenten Gast über das Thema Sünde nachzudenken.

Leser:  Keine Ursache, ich hatte gerade Zeit.

Autor: Als Gast in unserer Runde begrüßen wir den deutschstämmigen amerikanischen Theologen Walter Rauschenbusch. Er lebte von 1861 bis 1918 und gilt als einer der wichtigsten Reformtheologen des 20. Jahrhunderts.

Leser:  Ah ja.

Autor: Zum großen Erstaunen der evangelikalen Allgemeinheit war dieser Reformtheologe auch noch Baptist.

Evangelikale Allgemeinheit: Da sind wir aber baff! Wer hätte das gedacht!

Autor: Besonders prägend war für Rauschenbusch die Arbeit als Pastor in „Hell´s Kitchen“. Dies ist das ärmste Hafenviertel von New York. Die Erfahrungen, die er dort machte, führten dazu, dass er die theologische Richtung des „social gospel“ entwickelte.

Leser: Das heißt soziales Evangelium.

Rauschenbusch: Genau.

Autor: In seinem Denken ist der Sündenbegriff ein zentrales Thema. Was fällt dir, lieber Leser, zum Thema Sünde ein?

Leser: Nun…, äh…, die Geschichte vom Sündenfall?

Evangelikale Allgemeinheit: Jawoll!

Autor: Ja, die Geschichte vom Sündenfall. Die ist im Laufe der Kirchengeschichte Generationen von Theologen eingefallen. Auf diesem Text haben sie die sogenannte „Erbsündenlehre“ aufgebaut.

Rauschenbusch: Die Menschen luden ihre Schuld auf die Erbsünde, auf den Teufel und auf Gottes Ratschlüsse ab. 1

Autor:  Und stehlen sich somit aus der persönlichen Verantwortung.

Rauschenbusch: Es ist wichtig, sich klarzumachen, dass die Erzählung vom  Sündenfall in der späteren Theologie unvergleichlich mehr zur Grundlehre geworden ist, als sie es nach der biblischen Auffassung war. 2

Autor: Auch im übrigen Alten Testament wird viel von Sünde gesprochen, ohne Adam und Eva zu bemühen.

Rauschenbusch: Die Propheten waren sich der Sündhaftigkeit der Menschen wohl bewusst, aber sie gründeten ihre Lehre nicht auf den Sündenfall. 3

Leser: Das ist ja sehr interessant, aber für mich noch sehr theoretisch. Geht es etwas konkreter?

Evangelikale Allgemeinheit: Weg mit der Theorie! Her mit dem Praxisbezug!

Autor: Als Christen reden wir von unserer persönlichen Beziehung zu Christus, von unserem persönlichen Heil und natürlich von unserer persönlichen Sünde.

Evangelikale Allgemeinheit: So gehört sich das auch.

Autor: Bei dieser Sichtweise blenden wir aber den größten Teil des Phänomens Sünde aus.

Leser: Das verstehe ich nicht.

Rauschenbusch: Die christliche Lehre stellt die Selbstbehauptung des Sünders als eine Art Zweikampf zwischen seinem Willen und dem Willen Gottes dar. Wir sehen vor unserem geistigen Auge Gott, der in Herrlichkeit, Heiligkeit und Güte auf seinem Throne sitzt, und den Sünder, der von der Erde aus trotzig seine Faust gegen Gott emporhebt…. Nun ist im wirklichen Leben solch eine titanische Auflehnung gegen den Allmächtigen selten. … Wir rebellieren nicht; wir kneifen aus und entwischen. Wir liegen demütig betend auf den Knien und schleudern unsere Pflicht mit einem Fußtritt unters Bett, wenn wir glauben, dass Gott gerade nicht hinsehe. 4

Autor: Und wir sind nicht nur in Bezug auf uns selbst blind. Wir erkennen nicht…

Rauschenbusch: …dass die Sünde in ihren höheren Formen sich als ein Konflikt zwischen dem selbstsüchtigen Ich und dem allgemeinen Wohl der Menschheit darstellt… 5

Autor: Sünde ist mit anderen Worten immer auch ein soziales Phänomen. Sünde findet man im Miteinander der Menschen, in Institutionen, Wirtschaftsverbänden, und und und.

Rauschenbusch: Es ist ganz wohl möglich, an der orthodoxen Lehre vom Teufel festzuhalten und ihn doch nicht zu erkennen, wenn man ihm in einem Real Estate Office oder auf der Börse begegnet. 6

Leser: Was ist denn das Real Estate Office?

Autor: So eine Art Grundbesitzamt.

Rauschenbusch: Um den höchsten Grad der Sündhaftigkeit darzustellen, müssen wir nicht den Menschen aussuchen, der flucht, der die Religion verachtet oder das Geheimnis der Dreieinigkeit leugnet, sondern wir müssen uns mit Bevölkerungsschichten befassen, die das Erbe einer Nation zum Privateigentum einer kleinen Klasse gemacht oder die die Landarbeiter unterdrückt, entwürdigt, demoralisiert und rechtlos gelassen haben. Wo wir solche Zustände finden, … werden wir wissen, dass wir … auf wirkliche Auflehnung gegen Gott gestoßen sind. 7

Leser: Gilt das auch für Länder und Regierungen, die sich zum Beispiel gegen einen Schuldenerlass in der Dritten Welt wenden?

Autor: Genau! Es betrifft auch Prozesse der Globalisierung, zügellosen Kapitalismus, die Ausbeutung der Natur, Rassismus. Ausländerfeindlichkeit, Fragen der Gentechnik und unseren westeuropäischen Lebensstil.

Evangelikale Allgemeinheit (misstrauisch): Das klingt aber sehr nach Politik! Wo bleibt denn da das Evangelium?

Autor: Wo Sünde ist, ist der Mensch. Der Mensch und die Menschheit bedürfen der Vergebung, und sie brauchen Gott.

Rauschenbusch: Die Sünde ist nicht eine persönliche Angelegenheit zwischen dem Sünder und Gott. Es ist immer die ganze Menschheit zugegen, wenn Gott Gericht hält. Wir müssen mehr Demokratie in unsere Auffassung von Gott hineinbringen, dann wird die Definition von Sünde auch mehr der Wirklichkeit entsprechen. 8

Leser:  So ganz klar ist mir das noch nicht.

Rauschenbusch: Gott ist nicht nur der geistige Vertreter der Menschheit; er ist die Menschheit selbst. In ihm leben, weben und sind wir. Und in uns lebt und webt er, obgleich sein Wesen über uns hinausgeht. (…) 9a

Evangelikale Allgemeinheit: Na, na, na!

Rauschenbusch: Unsere Welt ist nicht eine despotische Monarchie mit Gott über dem Sternenzelt und uns auf der Erde; sie ist eine geistige Republik mit Gott mitten unter uns. (…)9b

Evangelikale Allgemeinheit: NA, NA, NA!!!

Rauschenbusch: Jesus verband immer mit aller Entschiedenheit und allem Nachdruck Gott und den Menschen. Er will nicht, dass wir uns mit dem Menschen befassen, ohne Gott einzubeziehen, und er will nicht, dass wir uns mit Gott befassen, ohne den Menschen einzubeziehen. 9c

Leser: Da kann man nichts gegen sagen.

Autor: Rauschenbusch hat aber mit dem „social gospel“ nicht nur den Sündenbegriff erweitert, er hat den Reich-Gottes-Begriff mit der Sündenlehre verknüpft. Was fällt dir, lieber Leser, zum Reich Gottes ein?

Leser (stolz): Matthäus 6, 38!

Evangelikale Allgemeinheit: „Trachtet zuerst nach dem Reich Gottes.“

Autor:  „…und nach seiner Gerechtigkeit“, das wird beim Zitieren immer vergessen. Das Reich Gottes ist die Herrschaft Gottes unter den Menschen oder…

Leser:  … eine geistige Republik mit Gott mitten unter uns, wie Rauschenbusch eben sagte.

Autor:  Sehr gut! Das Reich Gottes ist aber auch ein Paradox, denn es hat mit Jesu Menschsein unter uns begonnen und wird gleichzeitig mit seiner Wiederkunft erst kommen.

Leser: Und was hat das mit den Strukturen von Sünde zu tun?

Rauschenbusch: Christus starb für das Reich Gottes. 10

Autor: Wenn wir Christen uns in fromme Ghettos zurückziehen oder uns nur um das Seelenheil der Menschen kümmern und gegen Unrecht und Not nichts unternehmen, dann haben wir vom Reich Gottes nichts begriffen.

Rauschenbusch: Wo es an der im Glauben begründeten Vorstellung vom Reich Gottes fehlt, sind die Menschen nicht dazu erzogen oder nicht fähig, die Äußerungen der Sünde im Gesellschaftsleben zu sehen oder richtig einzuordnen. 11 Wer sich gewöhnt hat, seine Gedanken in das Licht des Reiches Gottes zu stellen, wird sich weniger über Unglaube und Schuld des einzelnen aufhalten. Er wird seine Schauder des Entsetzens aufsparen für Leute (und…) Völker, denen es nichts ausmacht, … Absatzgebiete unter ihre Macht zu bringen, oder um Wucherzinsen zu erreichen für Darlehen an schwächere Völker, … die bereit sind, eine friedliche Nation in den Krieg hineinzustoßen, weil auf der Börse bei einem Friedensgerücht eine Panik ausbricht. 12

Leser: Ich bin noch jung, ich bin allein und die Verhältnisse in unserer Welt und unserer Zeit sind so verworren. Ich kann vielleicht beten, aber sonst… Was kann ich alleine schon gegen gewaltige Machtapparate und anonyme Strukturen von Sünde ausrichten?

Evangelikale Allgemeinheit:  Wir leben in der Endzeit. Es wird alles immer schlechter, bis der Herr wiederkommt.

Rauschenbusch: Trägheit ist aktive Selbstsucht; sie ist nicht nur unethisch, sondern eine Sünde wider das Reich Gottes. 13

Autor: Millionen und Abermillionen von Menschen glauben, dass sie allein nichts bewirken können. Dabei gibt es viele Beispiele, dass einzelne Persönlichkeiten die erstaunlichsten Dinge bewirkt haben. Man muss nur an Martin Luther King, Franz von Assisi oder Gandhi denken. Aber es gab und gibt auch viele unbekannte Menschen, deren Blick und Empfinden für die Strukturen der Sünde geschärft wurde. Wenn jeder sich an seinem Platz und in seinem Leben für das Reich Gottes einsetzt, können wir Revolutionen bewirken. Sünde ist kein genetischer Code, der seit Adam weiter vererbt wird. Es ist vielmehr so,…

Rauschenbusch: …dass die Sünde sich durch die Kette der sozialen Überlieferungen forterbt. (…) Eine Generation verdirbt die nächste. 14

Autor: So wie die Sünde in allen Individuen eine Schneise der Verwüstung durch die Geschichte geschlagen hat und schlägt, indem die Jungen die Fehler der Alten kopieren, so kann das Wirken Gottes im Einzelnen und durch den Einzelnen in gleicher Weise Unvorstellbares an Segen bewirken.

Leser: Eine letzte Frage; hat die Theologie Walter Rauschenbuschs Auswirkungen auf die Christen in Deutschland gehabt?

Evangelikale Allgemeinheit: Äh, …….. nun ja…….., also……….

 

 

Anmerkungen:

1: Walter Rauschenbusch: „Die religiösen Grundlagen der sozialen Botschaft“; Zürich, München, Leipzig 1924; S. 70

2: a.a.o.; S. 76                                         3: a.a.o.; S. 77

4: a.a.o.; S. 84f                                       5: a.a.o.; S. 84

6: a.a.o.; S. 72                                         7: a.a.o.; S. 91f

8: a.a.o.; S. 85                                         9a, 9b, 9c: a.a.o.; S. 86f

10: a.a.o.; S. 90                                       11: a.a.o.; S. 90

12: a.a.o.; S. 92                                       13: a.a.o.; S. 93

 

Von den „Sakramenten“*

* In manchen Konfessionen legt man großen Wert auf den Begriff Sakrament. Diese mögen sich an dem Begriff erfreuen. In manch anderen Konfessionen wird dieser Begriff deutlich abgelehnt. Diese mögen sich an den Anführungszeichen erfreuen.

 

Abendmahl, Herrenmahl, Eucharistie

Der Sakramentcharakter des Abendmahls begründet sich nicht auf einem bestimmten Verständnis von Brot und Wein, er begründet sich auch nicht auf der Funktion der Menschen, die das Abendmahl austeilen, er begründet sich nicht auf bestimmten Glaubenswahrheiten, denen die Empfangenden zustimmen und er begründet sich nicht auf speziellen heiligen Orten oder Zeiten, an denen oder zu denen das Abendmahl gefeiert wird.

Der Sakramentcharakter des Abendmahls begründet sich allein in der Person, die zu diesem Mahl einlädt, Christus.

Christus lud Judas Ischariot, der ihn verriet, zum letzten Abendmahl ein. Welches Recht haben wir, irgendjemanden nicht einzuladen oder gar auszuladen?

Das Reich Gottes wird dort greifbar und erlebbar, wo der Tisch des Herrn steht und Menschen Gemeinschaft mit ihm und miteinander haben, wo Glauben und Leben gefeiert werden. Der Tisch des Herrn kann überall seinen Ort finden, in der Kirche, auf dem Marktplatz, in einem Restaurant, im Wald, auf der Müllhalde und auf dem Friedhof. Es gibt keinen Ort, an dem Christus nicht zu sich einlädt.

 

Taufe

Wir taufen Menschen auf das Bekenntnis ihres Glaubens. Wir taufen gern. Doch auch wer eine andere Art der Taufe erfahren hat und zu dieser Taufe steht, kann durch das Zeugnis seines Glaubens Teil unserer Gemeinschaft werden.

Hinwendung zu Gott und Taufe sind eins. Weder macht es Sinn, die Taufe zeitlich vor diese Hinwendung zu Gott zu verlagern, noch macht es Sinn, sie in einem großen zeitlichen Abstand danach zu vollziehen.

Hinwendung ist Bewegung, ist Weg. Gott bewegt sich auf den Menschen zu und der Mensch auf Gott. Des Menschen Seinsmittelpunkt verlagert sich vom Ich zum Du Gottes. Diese Hinwendung endet auch nicht mit der Taufe, sondern ist wie unsere Menschwerdung ein lebenslanger Prozess.

Die Taufe ist ein wirkmächtiges Symbol, dessen Wirkmächtigkeit in der Bewegung beider, Mensch und Gott, aufeinander zu beruht.

Vor Gott sind alle gleich

Gott liebt alle Menschen gleich. Er unterscheidet nicht zwischen Hautfarben, Religionen, Mann und Frau, sexueller Orientierung, Armut und Reichtum. Wir möchten es ihm gleichtun.

Gott ist die Liebe. Liebe kann nie für sich allein sein, sie braucht das Gegenüber. Liebe ist Beziehung. So schuf Gott uns nach seinem Bilde, damit die Liebe vollkommen sei. Erst in Beziehung werde ich wahrhaft Mensch. Wenn ich nur mich sehe, ich allein im Zentrum meines Lebens stehe, hinken meine Seele und Geist wie ein Kriegsversehrter, dem ein Bein amputiert wurde.

Ohne Frau wäre der Mann nicht wahrhaft Mann;
ohne Mann wäre die Frau nicht wahrhaft Frau.
Ohne Heterosexuelle wären Homosexuelle nicht wahrhaft homosexuell;
ohne Schwule und Lesben wären Heterosexuelle nicht wahrhaft heterosexuell.
Ohne Mutter wäre ein Vater nicht wahrhaft Vater;
ohne Vater wäre eine Mutter nicht wahrhaft Mutter.
Ohne Kinder, wären Eltern nicht wahrhaft Eltern;
ohne Eltern wären Kindern nicht wahrhaft Kinder.
Ohne Gott wäre der Mensch nicht wahrhaft Mensch;
Und ohne Mensch wäre Gott nicht wahrhaft Gott.

Gott ist die Liebe, die uns ins Dasein geliebt hat.

Vor Gott sind alle gleich

Gott liebt alle Menschen gleich. Er unterscheidet nicht zwischen Hautfarben, Religionen, Mann und Frau, sexueller Orientierung, Armut und Reichtum. Wir möchten es ihm gleichtun.

 

 

Die Gottesebenbildlichkeit des Menschen

Genesis 1,26a: „Und Gott sprach: Lasset uns Menschen machen, ein Bild, das uns gleich sei…“

Der Plural „uns“ ist vieldeutig, die einen verstehen ihn als Pluralis Majestatis, wie auch Könige von sich im Plural sprachen, die anderen deuten ihn als Zeichen der Trinität Gottes. Aber vielleicht kann man den Plural „uns“ auch als die Gemeinschaft Gottes und des Menschen verstehen. Gott und Mensch erschaffen zusammen den Menschen. Menschwerdung endet nicht mit dem ersten Schrei des Säuglings im Kreißsaal, Menschwerdung ist ein lebenslanger Prozess, der vielleicht sogar über unseren Tod hinausreicht.

Am Anfang sind wir eine von Gott hingeworfene flüchtige Skizze in Fleisch, Blut und Urin. Im Vollzug unseres Lebens übernehmen wir mehr und mehr den kreativen Prozess und schaffen uns als Kunstwerk in den drei räumlichen Dimensionen und der vierten, zeitlichen Dimension. Gott mag hier und da eine Linie einfügen, etwas von unserem Schaffen verstärken oder über etwas Missratenes darüber zeichnen, aber er radiert nichts unseres Werkes weg. Am Ende unseres zeitlichen Schaffens wird Gott unser Kunstwerk auf der Grundlage dessen, was wir geschaffen haben, vollenden.

Die Gottesebenbildlichkeit des Menschen ist die Fähigkeit, etwas Neues zu erschaffen. Wir erschaffen uns selbst im Lebensvollzug, wir erschaffen etwas in unseren Beziehungen zu Menschen und zur Welt und wir erschaffen etwas, indem wir unsere von Gott gegebene Kreativität als unseren Schöpfungsauftrag annehmen.

 

Die Bibel

Wir lieben die Bibel als Ausdruck der Poesie Gottes.

Sie ist ein Zeugnis des Glaubens des Volkes Israels und ein Zeugnis des Glaubens der frühen Christen. Sie ist die Spur göttlichen Wirkens im menschlichen Wort.

Die Bibel ist ein literarisches und intellektuelles Hochgebirge, das man nicht mit spirituellen Badeschlappen besteigen kann. Die Schrift fällt uns nicht in den Schoß, wir müssen sie uns erarbeiten.

Da, wo sie uns existentiell berührt – sei es, dass sie uns aufbaut, ermutigt und tröstet, sei es, dass sie uns infrage stellt und kritisiert – wird sie uns zum Wort Gottes.

Als Christen glauben wir an den lebendigen Gott, nicht an ein Buch.

 

Das Buch

 

Auf sein Wort starrend – sehe ich Ihn nicht;

nistet er doch in den Nischen,

im Raum zwischen den Worten,

wo der Text schweigt,

in den Baulücken der Bedeutung.

Schwarz tanzen die Lettern vor dem Weiß

Zeile um Zeile, Seite um Seite,

und verbergen Ihn in der lichten Flamme.

 

 

Gottesdienste

 

Gottesdienste sind die Feier der Gemeinschaft mit Gott. Er ist unter uns gegenwärtig, und wir sind seine Gäste.

Was wir einbringen können, soll durch schlichte Schönheit Gott ehren. Wir wollen den Reichtum der Reduktion (der Mittel) entdecken.

In unseren Gottesdienstbesuchern sehen wir Menschen, die ihren eigenen Weg zum selbständigen Denken, Glauben und Leben gehen. Gott schenkt es, dass wir eine kürzere oder längere Wegstrecke gemeinsam gehen. Wir helfen uns und lernen voneinander.

Unsere Gottesdienste haben das Ziel, dass die Gemeinschaft zwischen dem Einzelnen und Gott, die Gemeinschaft untereinander und die Gemeinschaft der Gläubigen mit der Welt gefördert wird.

Unsere Gottesdienste sollen den ganzen Menschen ansprechen, deshalb sollen sie mit allen Sinnen für Leib, Seele und Geist erlebbar sein.

Die Mitarbeit an unseren Gottesdiensten soll Ausdruck einer Leidenschaft sein, nicht eine lästige Pflicht. Teilnehmer und Mitarbeiter sollen auferbaut und nicht physisch, psychisch und geistlich überfordert werden.

Wir praktizieren das Priestertum aller Gläubigen und gabenorientierte Mitarbeit.

Austausch und Teilhabe stehen im Mittelpunkt unserer Gottesdienste. Das Miteinander ist wichtiger, als etwas für andere zu tun.

Wir singen Lieder, die wir theologisch und ästhetisch verantworten können. Modernität oder das hohe Alter eines Liedes sind für uns kein Wert an sich.

Unser Gebet beginnt mit dem Hören und endet mit dem Antworten.

 

Inspiratoren

 

Miguel de Unamuno, baskischer Religionsphilosoph

Gilbert Keith Chesterton, britischer Schriftsteller

Dorothy Sayers, britische Schriftstellerin

Pablo Picasso, spanischer Künstler

Martin Buber, österreichisch-israelischer Religionsphilosoph

Eckhard Nordhofen, deutscher Philosoph und Theologe

Elazar Benyoëtz, israelischer Aphoristiker

Walter J. Hollenweger, schweizer Theologe

Zvi Kolitz, jiddischer Autor

Kurt Marti, schweizer Dichter und Pfarrer

Walter Rauschenbusch, amerikanischer Reformtheologe